Interviews mit Kandidat(inn)en für das Europäische Parlament

„Sie haben sich als Kandidat(in) für das Europäische Parlament beworben. Was hat Sie dazu bewogen?“

Dr. Helga Trüpel, Bündnis 90/ DIE GRÜNEN (GRÜNE/EFA)
„Ich bin seit 2004 für die Grünen im Europäischen Parlament. Auf der europäischen Ebene werden die wesentlichen Zukunftsentscheidungen getroffen: Klimapolitik, Energiepolitik, präventive Außenpolitik. Wir Grünen wollen diese Felder entscheidend mitbestimmen, und dazu brauchen wir ein durchsetzungsfähiges Europaparlament. Wie in jeder Demokratie ist es natürlich auch für das EP eine wichtige Aufgabe, Kontrolle auszuüben über Rat und Kommission.“

Martin Schulz, SPD (PSE)
„In die Politik gegangen bin ich, weil ich etwas bewegen und für eine gerechtere Welt kämpfen wollte und will. Aus dieser Motivation heraus bin ich 1974 in die SPD eingetreten und habe mich bei den Jusos engagiert. Denn die SPD verfolgt seit über 140 Jahren mit Leidenschaft und Erfolg die gleichen Ziele: Gerechtigkeit, Demokratie und Solidarität, Frieden und internationale Zusammenarbeit. Zunächst wurde ich 1984 Stadtratsmitglied in Würselen und von 1987 bis 1989 war ich Bürgermeister in Würselen. Ich bin an der Grenze zu Belgien und den Niederlanden aufgewachsen. Europa ist dort zum Greifen nah und wird täglich gelebt. Ich bin überzeugter Europäer, Europa ist eine faszinierende Idee von Frieden, Stabilität und sozialer Gerechtigkeit, für die es sich zu kämpfen lohnt.“

Dr. Anja Weisgerber, CSU (EVP-ED)
„Schon während der Schulzeit habe ich mich sehr für Politik interessiert. Und gerade auf europäischer Ebene kann man in der Politik viel bewegen. Beispielsweise werden im Umweltbereich, einem Schwerpunkt meiner Arbeit, etwa 80 % der Entscheidungen auf europäischer Ebene getroffen. Deshalb sehe ich die Arbeit im Europäischen Parlament als einzigartige Chance, mich für die Umweltpolitik einzusetzen.“

Holger Krahmer, FDP (ALDE)
„Ich habe mich schon seit vielen Jahren politisch engagiert, habe Infostände und öffentliche Aktionen organisiert, an Diskussionsrunden teilgenommen – ja selbst das Zeitunglesen mündet bei mir manchmal in politische Debatten. Ich ärgere mich über zu viele Gesetze, durch die keiner mehr durchsieht, darüber, dass die EU unser Steuergeld in die Landwirtschaft statt in Unis und Forschung steckt, und zum Beispiel darüber, dass stinkende Fabrikschlote trotz strenger Gesetze weiter die Gegend verpesten, wie etwa an der sächsisch-tschechischen Grenze. Und wenn man nicht warten will, bis andere das regeln, dann muss man selbst in die Politik gehen. Voilà, so bin ich Europaabgeordneter geworden.“

Feleknas Uca, Die Linke (KVEL/NGL)

„Zum einen hatte ich schon immer das Bedürfnis, mich gegen Ungerechtigkeit in der Welt aufzulehnen, etwa gegen das Schicksal der vielen Menschen, die in erdrückender Armut leben oder denen das Recht verweigert wird, ihre Meinung frei zu äußern. Daneben gab aber auch die Erfahrung, als in Deutschland geborene kurdischstämmige Frau auf alltägliche rassistische Vorurteile und Misstrauen zu stoßen, den Ausschlag, mich politisch zu engagieren. Durch meine Arbeit im Europäischen Parlament kann ich positiv etwas bewegen. Auch wenn meine Fraktion, die zu den kleineren im Parlament gehört, sich bei Abstimmungen nicht immer durchsetzen kann, ist es trotzdem wichtig, linke Ideen und Politik in Brüssel einbringen zu  können und die Menschen über europäische Politik aus erster Hand zu informieren.“


„Warum haben Sie sich um ein Amt im Europäischen Parlament und nicht in einem nationalen Parlament beworben?“

Dr. Helga Trüpel, Bündnis 90/ DIE GRÜNEN (GRÜNE/EFA)
„Weil gerade grüne Themen wie Klima, Umwelt sowie die Regulierung der Märkte nur europäisch zu gestalten sind, nicht allein national. Wir wollen ein Europa der Bürgerinnen und Bürger, nicht nur ein Europa der Staaten. Deshalb müssen wir Europa-Parlamentarier(innen) die Interessen der Bürgerinnen und Bürger in Brüssel und Straßburg vertreten.“

Martin Schulz, SPD (PSE)
„Weil ich an das Projekt Europa glaube - sowohl daran, was es in der Vergangenheit erreicht hat, als auch, was es in Zukunft leisten kann. Durch regionale Integration ist es gelungen Frieden auf einen Kontinent zu bringen, der Jahrhunderte von prekären Machtungleichgewichten und verheerenden Kriegen geprägt war. Das Verschwinden der Kriegsangst und die offenen Grenzen in Europa sind die Erfüllung eines Menschheitstraums. Das europäische Friedensprojekt ist ein atemberaubender Erfolg und den dürfen wir uns nicht klein reden lassen. Man darf nicht zulassen, dass die Leute sagen, das ist Schnee von gestern. Der Frieden ist nie so sehr in Gefahr, wie wenn man ihn für selbstverständlich hält.
Blickt man in die Zukunft, wird deutlich, dass die  EU der Schlüssel zur Bewältigung der Herausforderungen in einer globalisierten Welt ist. Mit ihren 27 souveränen Staaten, ihren fast 500 Millionen Bürgerinnen und Bürgern, ihren Wirtschaftsmacht als größter Binnenmarkt der Welt kann die EU auf der internationalen Bühne viel mehr erreichen, als es die Nationalstaaten auf sich gestellt je könnten. Diese Macht müssen wir für die faire und nachhaltige Gestaltung der Globalisierung nutzen, bei uns zuhause genauso wie in der Welt.“
Dr. Anja Weisgerber, CSU (EVP-ED)
„Weil Europa immer bedeutender wird und gerade viele grenzüberschreitende Herausforderungen – wie zum Beispiel die Klimapolitik – auf europäischer Ebene angegangen werden müssen. Gerade in der Umweltpolitik habe ich mich seit vielen Jahren auch als Leiterin des Arbeitskreises Umwelt und Energie der Jungen Union sehr stark engagiert und deshalb ist es für mich besonders spannend, diese Themen jetzt im Europäischen Parlament mitzugestalten. Europa ist eine sehr spannende Ebene und man kann auch als einzelne Abgeordnete sehr viel bewegen.“

Holger Krahmer, FDP (ALDE)
„In Europa werden heutzutage die wichtigsten Weichen gestellt, die wichtigsten Entscheidungen getroffen. Als Umweltpolitiker kann ich in Berlin oder Dresden nur nachjustieren, gemacht werden die Umweltgesetze alle in Brüssel.“

Feleknas Uca, Die Linke (KVEL/NGL)
„Die Europäische Union ist heute sehr wichtig und übt viel Einfluss in der Welt aus, vor allem auf ihre Nachbarstaaten, die sich Hoffnungen auf einen Beitritt oder besondere Beziehung zur EU machen. Mein Ziel ist es, dass die EU den Einfluss auf die Regierungen dieser Länder nutzt, um dort auf wirkliche Demokratie und Rechtsstaatlichkeit hinzuwirken. Leider sind den meisten europäischen Politikern andere Anliegen wichtiger, wie z.B. die gemeinsame Abwehr von Flüchtlingen aus Afrika oder dem Nahen Osten. Zum Zweiten möchte ich einen Beitrag für ein tolerantes und multikulturelles Europa leisten.“


„Für welche Anliegen fühlen Sie sich besonders verantwortlich?“

Dr. Helga Trüpel, Bündnis 90/ DIE GRÜNEN (GRÜNE/EFA)
„Für kulturelle Vielfalt und interkulturellen Dialog, die weltweite Geltung der Menschen- und Bürgerrechte. Zudem trete ich ein für grüne Schwerpunkte im europäischen Haushalt, insbesondere für den „Green New Deal“, also Investitionen in Umwelt, Klimaschutz und Bildung. Deshalb bin ich Vizepräsidentin des Kultur- und Bildungsausschusses, Mitglied der China-Delegation und haushaltspolitische Sprecherin der grünen Fraktion.“

Martin Schulz, SPD (PSE)
„Der Kampf gegen den Faschismus, gegen Intoleranz und Rassismus ist für mich ein besonderes Anliegen. Die EU wurde gegründet, um den Rassenwahn des Faschismus, den Hass auf Minderheiten und die Intoleranz zu beenden. Doch heute erhebt der  Rechtsextremismus wieder sein hässliches Haupt in vielen Ecken Europas. Die fremdenfeindliche, rassistische und homophobe Gewalt nimmt zu. Die extreme Rechte in Europa versucht jeden Tag ein wenig mehr auszutesten, wie weit sie bei der Provokation der Zivilgesellschaft gehen kann. Das können wir nicht hinnehmen.
Besonders am Herzen liegt mir als Sozialdemokrat auch das Projekt, neben der Wirtschafts- und Währungsunion eine Sozialunion zu errichten. Denn das europäische Erfolgsmodell war und ist, dass wirtschaftlicher Fortschritt und sozialer Fortschritt zwei Seiten derselben Medaille sind. Die konservativ-liberalen Regierungen haben sich zu lange auf die Deregulierung der Märkte beschränkt, von denen wenige und nicht die Mehrheit profitierten. In der aktuellen Wirtschaftskrise sehen wir, wohin das geführt hat, selbst die konservativ-liberalen Marktradikalen erkennen jetzt, dass manchmal der Markt das Problem und die Politik die Lösung ist, und entdecken das Soziale wieder. Die Aufgabe für die Zukunft ist es, eine Finanz- und Wirtschaftsordnung in Europa zu schaffen, in der nicht der Markt, sondern die Menschen im Zentrum stehen.“ 

Dr. Anja Weisgerber, CSU (EVP-ED)
„Meine Arbeitsschwerpunkte sind die Umwelt-, Sozial-, Gesundheits- und Verbraucherschutzpolitik. In diesen Bereichen setze ich mich insbesondere für die Interessen des Mittelstandes, dem Rückgrat unserer Wirtschaft, ein. Darüber hinaus sehe ich mich als Anwältin meiner Heimatregion Franken sowie der jungen Generation in Brüssel.“

Holger Krahmer, FDP (ALDE)
„Wenn es um unsere Sicherheit oder auch unsere Umwelt geht, sind oft Ängste und Betroffenheit mit im Spiel. Davon sind auch wir Politiker(innen) nicht ganz verschont. Ich denke aber, dass der Verstand der bessere Ratgeber ist als der Bauch. Ich betrachte es als eine wichtige Aufgabe, immer wieder auf Sachlichkeit zu bestehen. Gesetze müssen so gemacht werden, dass sie auch messbar ihr Ziel erreichen, Symbole zur Beruhigung reichen nicht. Oft geht es ja um Verbote. Damit muss man aber sparsam umgehen, weil Freiheit ein besonders wichtiges Gut für jede(n) von uns ist – ob es nun ums Autofahren, die Höhe eines Baums im Vorgarten oder die Freiheit ist, offen sagen zu dürfen, was man denkt.“

Feleknas Uca, Die Linke (KVEL/NGL)
„Neben der Türkei- und Menschenrechtspolitik setze ich mich besonders dafür ein, dass die EU ärmeren Ländern eine faire Chance auf Entwicklung bietet, etwa durch faire Handelsbeziehungen und eine bessere Entwicklungszusammenarbeit, die auch die Rolle von Frauen in den Gesellschaften vor Ort stärkt und anerkennt.“


„Welche Bedeutung hat für Sie die Jugend in der Europäischen Union?“

Dr. Helga Trüpel, Bündnis 90/ DIE GRÜNEN (GRÜNE/EFA)
„Nur wenn wir die jüngeren Generationen von Europa überzeugen, hat das europäische Projekt eine Zukunft. Ältere Semester haben ja oft noch Erinnerung an Krieg und Armut. Für sie stand und steht Europa für eine friedlichere Zukunft. Doch das allein reicht heute nicht mehr, um Europa in gutem Licht erscheinen zu lassen.“

Martin Schulz, SPD (PSE)
Das Leben der 75 Millionen heute 15- bis 25-Jährigen Europäerinnen und Europäer wird tiefgreifend von europäischen Entscheidungen und Entwicklungen betroffen. Denn diese entscheiden über Chancen und Risiken in ihrer Ausbildung, in ihrem Berufsleben und in vielen anderen Lebensbereichen. Die junge Generation wird im zukünftigen Europa leben, man kann nicht Politiker und Vater sein, ohne diese Tatsache bei seinen Entscheidungen mitzudenken. Ich bin aber auch schon gespannt darauf, wie die heutige Jugend das zukünftige Europa gestalten wird, wenn ich mal in Rente bin.“

Dr. Anja Weisgerber, CSU (EVP-ED)
„Die Jugend hat für mich eine sehr große Bedeutung für Europa. Denn die Jugend ist die Zukunft Europas. Ihr entscheidet, wie es mit Europa weitergeht.“

Holger Krahmer, FDP (ALDE)
„Natürlich ist es die Jugend, für die ich Politik mache! Es wäre egoistisch, nur an das Hier und Heute zu denken. Die jungen Leute, die zukünftigen EU-Bürger(innen), müssen der Maßstab sein, den sich EU-Politik setzt. Ich will versuchen, ihr möglichst viele Freiheiten zu erstreiten und zu bewahren, den Staat möglichst wenige Schulden zu ihren Lasten machen zu lassen, und setze mich für ein Europa ein, das ein guter Ort zum Leben ist.“

Feleknas Uca, Die Linke (KVEL/NGL)
„Die Europäische Union bemüht sich, Jugendliche gezielt anzusprechen, etwa über eigene Publikationen, Internetauftritte oder Veranstaltungen. Bei alldem halte ich es für wichtig, dass junge Menschen mit ihren Erwartungen, Ideen und Bedenken gegenüber der Politik ernst genommen werden. Ich plädiere deshalb auch für ein Wahlrecht ab 16 Jahren, auch für Menschen aus Nicht-EU-Ländern, die dauerhaft hier leben.“


„Warum sollten junge EU-Bürger(innen) Ihnen ihre Stimme geben? Was planen Sie für diese zu erreichen?“

Dr. Helga Trüpel, Bündnis 90/ DIE GRÜNEN (GRÜNE/EFA)
„Bildung liegt bei uns zwar in der Hand der Bundesländer, aber auch in Europa kann man Weichen stellen, um Studium, Aus- und Fortbildung für alle zukunftsträchtig zu gestalten. Und der Kampf gegen die Klimakatastrophe betrifft ja nun gerade jüngere Menschen, die mit den Auswirkungen des Klimawandels noch sehr viel länger leben müssen als meine Generation. Und Klimaschutz geht nun einmal nur auf der zwischenstaatlichen Ebene.“

Martin Schulz, SPD (PSE)
„Wir wollen ein Europa, das sozial und stark ist. Denn ein politisch starkes, wirtschaftlich erfolgreiches und soziales Europa bietet uns die Chance die Globalisierung fair und nachhaltig zu gestalten - in Europa und in der Welt. Für uns steht nicht der Markt, sondern der Mensch im Zentrum, deshalb fordern wir eine Sozialunion, dass sämtliche EU-Rechtsakte auf ihre sozialen Auswirkungen hin überprüft werden, einen europäischen Pakt gegen Lohndumping und für Mindestlöhne. Wir wollen eine neue Finanzarchitektur mit klaren politischen Verkehrsregeln, damit sich eine solche Finanzmarktkrise nie mehr wiederholen kann. Wir wollen eine starke Friedensmacht Europa, die neue Impulse in einer zunehmend multipolaren Welt setzt. Ein starkes und soziales Europa ist der beste Garant, um die Herausforderungen im 21. Jahrhundert zu bewältigen.“

Dr. Anja Weisgerber, CSU (EVP-ED)
„Ich setze mich für eine nachhaltige Umweltpolitik ein. Denn nur mit einem verantwortungsvollen Umgang mit der Natur können sich die heutige Jugend und die nachfolgenden Generationen auch noch an einer intakten Umwelt erfreuen. Weiterhin setze ich mich dafür ein, dass die Jugend auch weiterhin vom Europäischen Binnenmarkt, der gegenseitigen Anerkennung von Berufs- und Studienabschlüssen und von den EU-Austauschprogrammen profitiert.“

Holger Krahmer, FDP (ALDE)
„Ich will erreichen, dass junge Leute in Europa eine ausgezeichnete Ausbildung und später gute Jobs bekommen, dass sie in einer sauberen Umwelt leben und ihre persönlichen Freiheiten genießen können. Das ist ein wichtiger Unterschied zu den anderen Politiker(inne)n: Mir geht es nicht um Verbote und noch mehr Gesetze. Erst wenn alle anderen Möglichkeiten, ein politisches Ziel zu erreichen, gescheitert sind, darf es zu solchen Einschränkungen kommen.“

Feleknas Uca, Die Linke (KVEL/NGL)
In den letzten Jahren hat sich der Staat immer weiter von seiner sozialen Verantwortung zurückgezogen, und z. B. den Zugang zu Bildung durch die Einführung von Studiengebühren eingeschränkt. Die Europäische Union zählte dabei  zu den treibenden Kräften, indem sie für Privatisierung und erhöhten Wettbewerbsdruck in der Gesellschaft eintrat. Ich möchte mich dafür einsetzen, dass die EU stattdessen – für unsere und kommende Generationen – für Solidarität, Frieden und den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen einsteht. Um mich für diese Ziele und die Interessen der Jugend auch weiterhin in Europa einsetzen zu können, brauche ich eure Unterstützung.


„Seit der ersten EU-Wahl  1979 ist die Wahlbeteiligung in Deutschland um fast 20% gesunken. Die Wählerorientierung und -werbung gewinnt bei diesem Trend zunehmend an Bedeutung.  Wie versuchen Sie, uns junge Wählerinnen und Wähler für die EU-Wahl im Juni 2009 zu interessieren?“

Dr. Helga Trüpel, Bündnis 90/ DIE GRÜNEN (GRÜNE/EFA)
„Ich versuche, ihnen klarzumachen, dass gerade sie in den kommenden Jahren das europäische Projekt voranbringen müssen. Ihr müsst das Europa mitgestalten, das Ihr Euch wünscht. Ihr seid Europa!“

Martin Schulz, SPD (PSE)
„Es ist schon paradox: Während zwei Drittel der jungen Europäerinnen und Europäer die EU sehr positiv sehen und die Mitgliedschaft ihres Landes eindeutig befürworten, ist die Wahlbeteiligung bei jungen Menschen am niedrigsten. In Deutschland gaben 2004 nur 30,5% der 18- bis 25-Jährigen ihre Stimme bei der Europa-Wahl ab. Ich habe eben schon unser Wahlprogramm erläutert, aber Politik ist keine Einbahnstraße. Meiner sozialdemokratischen Fraktion ist der Gedankenaustausch mit Jugendlichen wichtig. Politiker(innen) reden zwar gerne darüber, wie wichtig die Jugend ist, tun dann aber nichts. Wir versuchen Partizipationsmöglichkeiten und neue Kommunikationskanäle zu schaffen. Die Sozialdemokrat(inn)en im Europa-Parlament organisieren etwa eine dreiteilige Konferenz unter dem Titel „The Young European Dream - Listening to Europe’s Youth“, zu der junge Menschen aus ganz Europa eingeladen sind. Durch das Internet und die neuen sozialen Netzwerke entstehen spannende, bislang ungekannte Formen des Bürger(innen)engagements, der Mobilisierung und der Information, die echte Interaktivität und Dialog ermöglichen. Immer mehr Menschen nutzen unsere Youtube Chanels und unsere Podcasts und posten Nachrichten in unseren Foren oder werden Freunde/Freundinnen unserer Abgeordneten auf Facebook. Alle sind herzlich eingeladen mit uns dort zu diskutieren.“

Dr. Anja Weisgerber, CSU (EVP-ED)
„Indem ich sehr viel Aufklärungsarbeit leiste. Ich besuche beispielsweise sehr viele Schulen, Universitäten und Fachhochschulen in ganz Unterfranken. Erst vor wenigen Wochen habe ich an einem großen Jugendforum in Würzburg teilgenommen, bei dem Jugendliche Fragen an Europapolitiker(innen) stellen konnten. Bei solchen Veranstaltungen ist es mein Anspruch, jungen Menschen gerade die Vorteile aufzuzeigen, die ihnen Europa bringt. Beispiele sind die vielfältigen EU-Austauschprogramme, die Schüler(innen), Auszubildenden und Student(inn)en offen stehen, die Möglichkeiten des freien und unkomplizierten Reisens durch ganz Europa oder auch die Senkung der Roaminggebühren für die Benutzung des Handys im Ausland, die die EU durchsetzen konnte.“

Holger Krahmer, FDP (ALDE)
„Seit ich 2004 das erste Mal gewählt worden bin, besuche ich so oft ich kann Schulen, Universitäten und Jugendzentren. Denn Werbeplakate und Hochglanzbroschüren sind nicht der richtige Weg, für Europa zu werben. Das persönliche Gespräch ist durch nichts zu ersetzen. Ich versuche, möglichst viele Beispiele aufzuzählen, bei denen die Stimme zur Europawahl in die eine oder andere Richtung konkret etwas ändern kann. Zum Beispiel hat das Europaparlament Mitentscheidungsrecht etwa in der Verkehrs-, Entwicklungs- oder auch der Umweltpolitik.“

Feleknas Uca, Die Linke (KVEL/NGL)
„Umfragen zeigen, dass die Beteiligung an einer Wahl entscheidend davon abhängt, wie wichtig die jeweilige Institution eingeschätzt wird. Hier leiste ich viel Aufklärungsarbeit, gerade bei  Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Ich versuche, etwa durch Einladungen von Schüler(innen)gruppen ins Europäische Parlament, die Teilnahme an Diskussionsveranstaltungen oder Besuche von Schulen, mit jungen Menschen ins Gespräch  zu kommen, um ihre Fragen zu beantworten und ihre Meinung zu Themen zu erfahren, die sie betreffen.  Die Schüler(innen) sind oft überrascht, wie einfach man politisch aktiv werden kann und wie wichtig es ist sich über Politik zu informieren, da es einen direkten Einfluss auf ihr tägliches Leben hat. Es ist aber auch notwendig, dass das Europäische Parlament zukünftig mehr Einfluss bekommt, z. B. indem es über alle Initiativen der Europäischen Kommission mitentscheidet und selbst Gesetzesinitiativen einbringen kann.“


„Eine Wahl beruht immer auf gegenseitigem Interesse. Was Sie für junge Wähler(innen) der EU erreichen möchten, haben Sie nun schon erklärt. Was wünschen Sie sich abschließend von uns Jugendlichen in Bezug auf die Europäische Union?“

Dr. Helga Trüpel, Bündnis 90/ DIE GRÜNEN (GRÜNE/EFA)
„Mehr Interesse an europäischen Themen; den Willen, Europa kennenzulernen, etwa im Austauschprogramm „Erasmus“; Toleranz und Solidarität.“

Martin Schulz, SPD (PSE)
„Ich wünsche mir, dass die Jugendlichen sich auf das Abenteuer Politik und die Europäische Union einlassen. Was auf den ersten Blick technisch, bürokratisch und dröge daherkommt, ist auf den zweiten Blick oft spannend. Manchmal geht es um große Fragen wie die Umkehr des Klimawandels und manchmal um Alltagsbezogenes, wie Roaming-Tarife für Handys zu senken, aber immer geht es um die Frage, wie wir unser Leben, unsere Welt und unsere Zukunft gestalten wollen. Wie gesagt, Politik ist keine Einbahnstraße - deshalb wünsche ich mir, dass die Jugendlichen uns ihre Wünsche, Sorgen und Ideen mitteilen.“

Dr. Anja Weisgerber, CSU (EVP-ED)
„Ich wünsche mir von den jungen Wähler(inne)n in erster Linie, dass sie am 7. Juni zur Wahl gehen. Denn nur wer wählen geht, kann auch mitbestimmen. Demokratie lebt vom Mitmachen!“

Holger Krahmer, FDP (ALDE)
„Eine wunderbare Frage! Ich wünsche mir Neugier und Aufgeschlossenheit. Lasst Eure Europapolitiker(innen) nicht aus den Augen, schaut ihnen auf die Finger! Denn auch jenseits der Wahlen kann man sich engagieren, mit E-Mails an die Abgeordneten auf Fehler hinweisen, oder sich erkundigen, was diese oder jene EU-Entscheidung für Folgen hat. Erzählt es weiter, wenn Ihr Fehler entdeckt, aber auch, wenn Ihr mal findet, dass wir was richtig gemacht haben. Dann ist Europa, wo es hingehört: in aller Munde!“

Feleknas Uca, Die Linke (KVEL/NGL)
„Ich weiß, dass gerade Jugendliche oft das Gefühl haben, politische Prozesse nicht gut genug zu durchschauen, um die für sie ‘richtige’ Wahl zu treffen. Eine Wahl kann aber ein guter Anlass sein, sich unvoreingenommen über die Ziele aller Parteien und ihrer Kandidat(inn)en zu informieren. Oft geben auch Nichtregierungsorganisationen, wie amnesty international, Greenpeace oder Gewerkschaften, Bewertungen zu den Wahlprogrammen der Parteien ab. Doch gerade die europäische Politik braucht die Motivation und Neugier junger Bürger(innen), die sich kontinuierlich informieren und engagieren. Und durch Nachfragen bei Politiker(inne)n, Protestaktionen vor Ort oder bundes- und europaweite Demonstrationen lässt sich oft mehr bewegen, als viele vermuten.“

Die Fragen stellte Katharina, Deutschland