Interview mit EU-Jugendministerin Ursula von der Leyen
Europa ist Austausch und Begegnung. In diesem Sinne trafen sich am 25. Mai 2007 in Brüssel junge Menschen und Entscheidungsträger(innen) der europäischen Jugendpolitik. Doch Dialog heißt auch Forderungen stellen. Jugendvertreter(innen) verschiedenster Organisationen forderten die Jugendminister(innen) Europas bei einem informellen Forum auf, mehr Chancengleichheit und gesellschaftliche Beteiligung für Kinder und Jugendliche einzuräumen. Im Vorfeld hatten junge Leute auf dem Jugendevent der deutschen Ratspräsidentschaft in Köln 2007 ihre Forderungen und Vorschläge in einem siebenseitigen Aktionsplan festgehalten.
Wie EU-Jugendministerin Ursula von der Leyen das Treffen mit den Jugendvertreter(inne)n empfand und wie sie die Zukunft der Jugendpolitik in Europa bewertet, erzählt sie im youngstars-Interview.
Frau von der Leyen, am 25. Mai 2007 tagte der EU-Jugendministerrat in Brüssel. Ihnen wurde bei dem informellen Ministerforum von Delegierten des Jugendevents in Köln eine Checkliste überreicht. Inwiefern ist ein solcher Aktionsplan bzw. Checkliste mit Forderungen von europäischen Jugendlichen für Sie als Jugendministerin hilfreich?
Ich finde es großartig, mit welchem Engagement sich Jugendliche für Chancengleichheit und Beteiligung in Europa einsetzen. Der Kölner Aktionsplan lebt von diesem Engagement. Als Jugendministerin lege ich Wert auf ihre Meinungen, denn nur wenn Politik weiß, was Jugendliche denken, kann sie tatsächlich etwas in Bewegung setzen. Ich teile viele der Forderungen des Aktionsplans. Junge Menschen müssen eine zweite Chance erhalten, um einen Schulabschluss zu machen, gerade dann, wenn die Schullaufbahn von Misserfolgen und Frustration geprägt ist. Hier setzen wir an mit dem Modellprogramm „Schulverweigerung – Die 2. Chance“. Es hilft Jungen und Mädchen, Enttäuschungen zu verarbeiten und gleichzeitig die Kräfte neu zu bündeln. Denn eins ist klar: Ein guter Bildungsabschluss ist das A und O für den weiteren Berufsweg. Ich freue mich auch darüber, wie viele junge Menschen heute bereits sagen, wir möchten Familie und Beruf unter einen Hut bekommen. Die Bundesregierung setzt alles daran – durch den Ausbau der Kinderbetreuung, durch Gespräche mit Unternehmen – diesen Wunsch auch nach einem intakten Familienleben einerseits und einem tollen Job andererseits auch möglich zu machen.
Auf der Agenda des Jugendministerrates verabschiedete der Rat einstimmig die Resolution zum Thema „Gleiche Chancen und uneingeschränkte gesellschaftliche Beteiligung für alle jungen Menschen“ in Europa. Wie stellen Sie sich vor, diese Vorschläge in Zukunft auf lokaler, regionaler Ebene und an der Basis praktisch umzusetzen?
Sich einmischen, mitreden, mitgestalten, das fängt immer im eigenen Umfeld an - von der Gestaltung des Schulhofes über die Abfahrtszeiten des Diskobusses bis zur Mitbestimmung im Jugendhilfeausschuss. Gerade da machen Jugendliche die Erfahrung: Wenn ich mich einmische, dann kann ich auch etwas verändern. Allerdings gibt es in den verschiedenen EU-Mitgliedsstaaten ganz unterschiedliche Fragen der Chancengleichheit: Wir haben große Unterschiede zwischen Stadt- und Landbevölkerung, zwischen Frauen und Männern, zwischen Bevölkerungsmehrheit und -minderheiten. Die individuellen Lebensbedingungen der jungen Menschen sind vielfältig, etwa durch unterschiedliche familiäre Hintergründe oder unterschiedliche Schulsysteme. Die 27 Jugendministerinnen und Jugendminister sind sich daher einig: Angebote „von der Stange“ helfen nicht weiter. Wir brauchen individuelle Projekte, um jungen Menschen einen guten Zugang zu Bildung zu ermöglichen, um die Übergänge zwischen Schule, Ausbildung und Beruf flexibler und harmonischer zu gestalten. In Deutschland haben wir zum Beispiel gute Erfahrungen mit den „Kompetenzagenturen“ gemacht: Spezielle Ansprechpartner(innen) stehen benachteiligten Jugendlichen zur Seite, sie kennen die besonderen Probleme, sie kennen die Möglichkeiten vor Ort und sie begleiten die Jugendlichen über einen längeren Zeitraum. Das könnte ein Modell für andere Länder in Europa sein.
Vor einigen Jahren erst gelangten im Rahmen der Lissabon-Strategie die Probleme und Forderungen von Jugendlichen in Europa ins Blickfeld des Europäischen Rates. Wie bewerten Sie die Zukunft der europäischen Jugendpolitik?
Europa braucht selbstbewusste Demokratinnen und Demokraten und gut qualifizierte junge Männer und Frauen, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Darum ist eine gemeinsame europäische Jugendpolitik auch so wichtig. Sie kann dazu beitragen, positive Rahmenbedingungen für Jugendliche zu schaffen und ihnen Möglichkeiten eröffnen, selbstbestimmt und verantwortungsbewusst zu leben. Das ist sicher keine rein europäische Aufgabe – im Gegenteil, hier ist vor allem die lokale und regionale Jugendpolitik gefragt. Allerdings stellen wir fest, dass Europa hierbei immer wichtiger wird. Wir wollen daher in Zukunft noch enger als bisher zusammenarbeiten und unsere Erfahrungen mit guten und erfolgreichen Projekten in den jeweiligen Mitgliedsstaaten austauschen. Am wichtigsten aber ist der Dialog mit den jungen Menschen. Nur so können wir uns ihrer Sorgen und Wünsche annehmen.
Sie sind selber berufstätige Mutter und EU-Jugendministerin. Inwiefern ist es Ihnen als Mutter ein persönliches Anliegen, die europäische Jugendpolitik mit Blick auf Jugendarbeitslosigkeit, Stärkung des Dialogs mit jungen Menschen und Chancengleichheit voran zu bringen?
Meine Biographie ist ziemlich europäisch, das hat mich beruflich aber auch privat geprägt. Ich bin selbst in Brüssel auf einer Ganztagsschule gewesen. Dort habe ich schon früh gelernt, wie wichtig zum Beispiel gute Sprachkenntnisse sind, um auch über Grenzen hinweg miteinander ins Gespräch zu kommen. Diese Erfahrungen gebe ich heute an meine Kinder weiter. Die Aufgabe einer gemeinsamen europäischen Jugendpolitik ist es, möglichst allen jungen Menschen die Idee und die Chancen eines geeinten Europas nahe zu bringen. Austausch und Begegnung, die Fähigkeit, sich auf Fremdes einzulassen und Neues zu schaffen, das kann Europa lehren. Eine aktuelle Umfrage sagt uns, dass mehr als 90 Prozent der europäischen Jugendlichen etwas Positives mit der Europäischen Union verbindet. Und natürlich gehen junge Menschen heute wie selbstverständlich von Finnland bis Zypern auf Entdeckungsreise, studieren und arbeiten im Nachbarland. Das zeigt: Wir haben eine Etappe auf dem Ziel erreicht, Europa für Jugendliche hinter Aktenbergen hervor zu holen und erlebbar zu machen.
Saskia