Eigentlich wollten mein französischer Ehemann und ich nächste Woche nach Kopenhagen fahren, um meine alten Unifreundinnen wiederzusehen und unseren 40. Hochzeitstag zu feiern. Doch gestern erzählten mir meine Freundinnen, dass sie wegen Ausschreitungen ihr Haus nicht verlassen konnten. Im Moment ist die dänische Bevölkerung sehr aufgebracht wegen eines neuen EU-Gesetzes, das ehemaligen Königreichen verbietet, ihren Königsfamilien auch nur zeremonielle Aufgaben zuzuweisen. Obwohl der dänische König keine politische Macht mehr hat, war diese Entscheidung der EU für viele Bürger(innen) der letzte Tropfen, der das Fass überlaufen ließ. In Dänemark und auch in anderen Ländern sind die Menschen verärgert über die Angewohnheit der EU, nationale Traditionen und Gewohnheiten abzuschaffen, die sich in den entsprechenden Ländern doch als gut erwiesen haben.
Wir wollten unsere Ferien nicht inmitten von Straßenschlachten verbringen, deshalb änderten wir unser Ziel und reisten nach Brüssel, der Hauptstadt unseres „Landes Europa“. Ich bin froh, dass wir schnell und leicht an die Flugtickets kamen. Als ich jung war, war eine Flugbuchung in ein anderes Land nicht so unkompliziert. Damals hatten wir noch 27 verschiedene Staaten im Gegensatz zu unserem heutigen „Land Europa“.
Brüssel ist jetzt eine gigantische Metropole, nachdem es zur Hauptstadt von Europa wurde. Viele neue Büros und Dienststellen wurden eingerichtet und neue Leute zogen zu, um hier zu wohnen und zu arbeiten. Es ist aufregend, die große weite Welt als nordfinnische Hinterwäldlerin zu sehen. Da unsere Reise ohnehin schon mit EU-Problemen zu tun hatte, entschlossen wir uns, mehr über sie zu erfahren. Deshalb werden wir an einer Führung durch die EU-Zentrale teilnehmen, einer Institution, die für das Leben und die politische Vertretung von 550 Millionen Menschen zuständig ist. Natürlich haben alle ehemaligen Staaten noch ihre eigenen Parlamente und Senator(inn)en (das gleiche wie früher die Präsident(inn)en) und andere demokratische Apparate doch die Hauptverantwortung liegt in den Händen der EU.
Ich verreise nicht mehr allzu oft mit meinem Mann über die Grenzen Europas hinaus. Obwohl es heute viel unkomplizierter geworden ist im Vergleich zu Zeiten mit Geldwechsel und Visaerteilungen. Eine Rückkehr in die vergangenen Jahrzehnte klingt nicht sehr verlockend. Abgesehen davon bräuchte ich zuerst einen Reisepass.
Trotz unserer „Reisefaulheit“ sind unsere Enkel(innen) unglaublich begeistert von Amerika und Asien. Da ich mich schon von dem, was Europa an Sehenswürdigkeiten zu bieten hat, erdrückt fühle, fällt es mir schwer, ihre Begeisterung zu teilen. Dabei fällt mir ein, wie frustriert sie in der letzten Zeit waren, weil Französisch neuerdings Pflichtfach in den Schulen ist, nur weil es zur offiziellen Amtssprache ernannt wurde. In Finnland braucht man kein Französisch, ebenso wenig wie für Reisen nach Amerika oder Asien. Natürlich ist es ein Muss für Mitteleuropäer(innen), aber hier im Norden hat es als neues Pflichtfach nicht gerade Begeisterungsstürme ausgelöst.
Übrigens: Etwa vor einem Monat, am 25. Mai, feierten wir den sechsten Gründungstag unseres Landes Europa. Und nach und nach fangen wir an, mehr Einigkeit zwischen den einzelnen Staaten zu fühlen. Ich zündete sogar mit meinem Mann eine Kerze an und hisste die europäische Flagge statt wie sonst die finnische und französische. Die meisten unserer Verwandten kamen zu Besuch und hatten mit uns ein Festmahl mit leckeren Delikatessen aus allen Teilen Europas. Wir machten italienische Pasta, meine Schwägerin brachte französisches Baguette mit und mein Sohn, der in der Schweiz lebt, brachte von dort Schokolade mit. Es war ein großartiger Abend, und sogar die Nationalhymne auf Französisch zu singen wird langsam einfacher!
Tuulia, Finnland